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«Das Märchen von dem Vogel»

«Erzähl mir ein Märchen.»

Der Wandrer sieht auf die im Feuer tanzenden züngelnden Flammen und schweigt. Wie ein Echo ihres Tanzes trifft der Widerschein des Feuers flackernd auf sein sonnengebräuntes Gesicht.

«Wieso schweigst du?», fragt ihn die Prinzessin.

Erhobenen Blicks lächelt er schuldbewußt.

«Dort, wo ich war…, mochten sie keine Märchen von Leere und Kälte. Es kam auch niemand zu mir.»

«Warum bist du so lange in diesen unfreundlichen Gegenden geblieben?»

«Das waren sie nicht, bevor ich da aufkreuzte. Ich war es, der die Leere und Kälte in mir dorthin mitbrachte.»

«Und da gab es sonst nichts Gutes und Schönes?»

Der Wandrer sieht sie an, als seien seine Gedanken ganz woanders.

Dann sagt er: «Ich erzähl' dir eine Geschichte. Sie stammt nicht von mir, sondern aus uralten Zeiten und fernen Ländern.

…Meine Liebste konnte ich alle Augenblicke lang sehen und hören und hätte es auch weiter so haben wollen. Ihre Gesellschaft genoß ich viele, viele Tage. Und trotzdem fragte ich mich immer wieder, warum sie gerade mich auserwählte? Wäre es möglich, daß sie eines Tages spurlos verschwindet? So manchesmal fürchtete ich des Morgens die Augen aufzuschlagen, wenn ich neben mir nicht ihren Atem spürte oder sie mir plötzlich im Traum erschien.

Ich rollte Teppiche von Erdbeerwiesen unter ihren Füßen aus, hieß eine Quelle aus dem Erdreich sprießen, wenn sie dürstete. Ich befahl der Nachtigall, die ganze Nacht unter ihrem Fenster durchzusingen. Und sie ist verzückt: «Sie ist wieder da! Hör doch nur! Ist es nicht traumhaft?!»

Unser Häuschen auf der sonnenbeschienenen Lichtung sah Gäste gern. Oft kehrten Järger bei uns ein, unter denen ich den einen oder andern treuen Freund hatte. Ich wußte, eben meiner Liebsten war es zu verdanken, daß sich unsere Gäste hier wie zu Hause fühlten. Mich amüsierte das. Stolz sah ich dem Liebäugeln und der Huld seitens der Gäste meiner Frau gegenüber zu, — schön, bildschön, wie sie war, rein, aufrichtig, offenherzig wie ein Buch, das aufgeschlagen vor mir liegt -…

Nebenbuhler? Sollte ich sie unter den Gästen unseres Hauses ausmachen? Das kam mir überhaupt nicht in den Sinn. Was wäre, wenn sich einer von ihnen erkühnte…; wär' doch mal interessant oder nicht, meiner Neugierde halber wärs mir jedenfalls eine Genugtuung.

Auf das Hufgetrappel und Hundegebell hin sprang meine Liebste hoch, im Nu auf die Vortreppe hinaus und strahlte lächelnd den Reitern entgegen. Ihr Lächeln war nämlich dazu angetan, einen düsteren Tag mit einemmal hell erstrahlen zu lassen, genau; so begab es sich auch jenes eine Mal, als der Neuling unter den Jägern, ein junger Baron, mir einen ziemlich komischen Eindruck machte und dem die Kinnlade herunter-, eigentlich ja auseinanderklappte — beim Anblick der entzückenden, reizenden Gastgeberin.

Als sie ihm mit ihrer hinreißenden einzigartigen Stimme entgegentrat: «Sie waren noch nicht bei uns, Euer Hochwürden. Haben Sie die Güte, eintreten zu wollen. Seien Sie herzlich willkommen. Und wundern Sie sich nicht, bei uns geht es eher schlicht zu. Wenn sie irgendwelche Wünsche haben, wenden Sie sich an meinen Ehegemahl. Er wird Ihnen sicher nichts ausschlagen».

Hier traf unseren jungen Gast beinah zum zweitenmal der Schlag. Das erste Mal, als ihn meine Liebste ansprach, das zweite Mal, als er mich gewahrte und begriff, WESSEN Frau da vor ihm steht. Wiewohl er mir komisch vorkam, schlug er sich durchaus wacker! Neulinge pflegen in der Regel die Fassung zu verlieren, wenn sie neue Bekanntschaften machen, dieser aber zog alle Register, die der Anstand gebot, beinah ohne sich zu verhaspeln.

Danach ließ er sich des öftern bei uns sehen. Und geradezu ungeniert himmelte er meine Liebste an. Ganz offensichtlich schien ihn sein Interesse an der Jagd verlassen zu haben. Von meinen Freunden wußte ich, sie hatten ihn nicht nur einmal gewarnt, wie gefährlich das Spiel mit dem Feuer ist. Und ich, der ich irgendwann merkte, wie sehr mich seine Anwesenheit in unserm Haus auf die Palme brachte, wurde ärgerlich, diese Veränderung in mir übersehen zu haben. Wie konnte ich nur?! Aber auch danach glaubte ich noch immer — allzu selbstgefällig — eine solche Lappalie könne mein Herz unmöglich kränken. Von verwunden zu reden wäre mir gar zu albern gewesen.

…Eines Tages dann langte ich in der Morgendämmerung — von dem nächtelangen Beobachten des Sternenhimmels und Debattieren über Naturerscheinungen mit einem alten Sterndeuter völlig erschöpft — zu Hause an, was im übrigen mit der Angelegenheit nichts zu tun hat. Den ganzen Weg zurück trieb ich mein Pferd aus Sehnsucht nach meiner Liebsten. Ich konnte es kaum erwarten, lautlos in unser Schlafgemach zu treten, sie dort schlafend zu sehen, ihr schwerelos mit den Lippen die reine Stirn zu küssen und ihr einen zauberhaften Traum einzugeben, den sie mir am andern Morgen voller Begeisterung erzählen wird…

Auf der Weide stand mit Fußstrick das Pferd des jungen Barons, indes das Schlafzimmer leer war. Auch im übrigen Haus war es totenstill. Die etwas trübsinnig wirkenden Blumensträuße verströmten noch ihren lieblichen Duft und verwandelten sich, als ich meinen finsteren Blick darüber hinwegschweifen ließ, in einen Schwarm Falter, die aufgeschreckt nach allen Seiten davonstoben… Auf dem Tisch, entdeckte ich, standen ein kristallener Ballon voll Himbeerwein und zwei Gläser.

Der Wein schoß wie eine Fontäne an die Zimmerdecke und hinterließ auf dem weißen Tischtuch einen zähflüssigen blutroten Fleck. Die Weingläser — wie mir schien — hatten Schlagseite bekommen und die Anmutung von zarten Maiglöckchenblüten. Ich schleuderte sie nacheinander an die Wand. Dort blieben auf ewig zwei durchscheinende Flecken geronnenen Weins zurück. Hinterher saß ich auf den Stufen der Vortreppe — die Augen geschlossen — und sah die beiden im silbernen Mondlicht durch das hohe Gras aus den Wiesen kommen. Er sprach in einem fort von irgendwas sehr angeregt und mit verliebten Blicken. Sie verhielten sich wie zwei kleine Kinder. Es war mir schon unangenehm, ihnen aufzulauern, aber ich konnte nicht anders als hinzusehen. Blinde Wut stieg in mir hoch, darin der Verstand vor Übelkeit versank…

Da war sie wieder mit ihrem Lächeln, das samt dem Licht in ihren Augen eigentlich mir galt, das sie jetzt aber nicht mir schenkte… Er verstummte, sie küßte ihn stürmisch… Hier erhob ich mich und trat vor sie hin. Ich sprühte keine Funken, meine Gefühle brachte ich zum Gefrieren. Sie schreckte sogar das Eis. Kaum daß ich schallend loslachte, vertrat mir der Baron den Weg und stellte sich schützend vor meine Liebste. Beschützer! Draufgänger! Tritt aufrecht so herausfordernd vor MICH hin…

Plötzlich kam sie hinter seinem Rücken hervorgeschossen, baute sich vor mir auf — meine Liebe, meine ideale Frau -, die Augen voller Zorn und Angst… Sie konnten tiefe Brandwunden in Herzen schlagen…

«Daß du es nicht wagst! Laß ihn!», gab sie mir tollkühn zu verstehen. Das Jüngelchen war verschwunden. Ihre Angst machte sie so verwegen. Ich schwieg. Sie sagte etwas von — sie wäre frei, ich überheblich und stolz, eigensinnig -, sprach und sprach ohne Ende…, daß ich schließlich die Hand ausstreckte und sie abrupt innehielt. Sie war darauf gefaßt, im nächsten Moment laß ich ein Wirbelfeuer auf sie herabprasseln oder schlage zu. Die Halsschlagader bebte, lief blau an… O, wie liebte ich es, ihre Lippen zu berühren, mit dem Finger über ihre zarte Haut, ihr seidenweiches Haar zu streichen.

«Hier hast du deine Freiheit. Flieg davon!»

Auf meiner flachen Hand saß ein goldgefiederter Vogel. Andern Augenblicks sahen mich schwarze Perlenaugen an. Sodann schmiegte er sich mir an. Im Innersten meiner Hand spürte ich das rasende Pochen dies kleinen Herzens. Ich hob die Hand, gab ihm einen leichten Stups: «Flieg»! Darauf hob er ab und strebte in hohem Flug dem Himmel zu und fiel gleichsam in einen Abgrund…

Der Winter meinte es gut mit meinem Haus. Kalt war mir darin nicht, selber hatte ich genug davon zu verströmen. Für meine Gäste heizte ich den Ofen ein, über dem dunklen Brandherd vollführten eisige Zungen von blauen Flammen einen bedrohlichen Tanz. Erkalten sollten sie so oder so. Im übrigen stellten sich mit der Zeit immer weniger Gäste ein. Die, die kamen, riefen mir den vergangenen Schmerz in Erinnerung. Ich war nicht krank, ich war tot. Sie brachten Neuigkeiten mit. Auf die Art erfuhr ich, daß der Baron schwer erkrankte. Die Kunde davon erreichte sie, nachdem er für lange Zeit verschwand und sie ihn ewig suchen mußten. Sie fanden ihn auf tausende Werst von seinem Haus entfernt. Er selbst konnte nichts mehr erklären, er hatte das Gedächtnis verloren. «Ein begabter Junge war er …, schrieb phantastische Gedichte…»

Ich lächelte still in mich hinein: Wohin mag er damals verschwunden sein. Meine Liebste bat mich, ihn laufen zu lassen, ich legte ihm nahe, sich hier nicht mehr blicken zu lassen, den Weg zu uns ein— für allemal zu vergessen. Tja… Mit dem Vergessen dürfte ich mich wohl ein wenig verrechnet haben.

Später hörte ich von dem sonderbaren Vogel im goldenen Gefieder erzählen, daß der ständig unnachvollziehbar ausdauernd beharrlich um Menschen kreiste, aber keineswegs handzahm wurde. In die Falle ging er ihnen auch nicht. Manchmal bin auch ich diesem Vogel begegnet. Im Traum. Er kam aufs Fensterbrett geflogen, um mich — den Schlafenden — zu betrachten, so lange, bis ihn — den willenlosen — eine eisige Windbö fortriß - weit weg. Ich mag es nicht, wenn ich beobachtet werde.

… Im Spätherbst schlugen schwere Regentropfen gegen meine Fenster, daß es mir schien, als begehre mein goldgefiederter Vogel Einlaß… Ich stieß alle meine Fenster weit auf, um ruhig den Regen einzulassen oder wen auch immer. Kaum pfiff der Wind durchs Haus, wirbelte er ruhlos das vergilbte Laub auf dem Boden auf.

In jener gräßlichen Nacht, da im Wald irgendwer stöhnte und sein Leid klagte, die Pfützen am Boden winzige Eisschollen deckten, saß ich vorm Fenster und starrte in die blauen Flammen. Ich saß jetzt oft so am Herdfeuer in meinem Sessel, das graue Wolfsfell über die Schulter gebreitet. Vielleicht ja immer so fort. Irgendwer kam durch den regennassen Wald zu mir geritten. Der Wind rüttelte an den offen stehenden Fenstern und wehte Pferdeschweiß— und Angstgeruch herein. Jäger, die einst zu meinen Freunden zählten, traten schweigend ein. Lange konnte ich mich von dem Anblick des unscheinbaren Knäuels, wie es so vor mir lag, nicht losreißen. Das güldene Licht war erloschen und hatte die Farbe auswegloser Schwermut angenommen.

Es schien, als habe er sich schon lange zum Abschuß freigegeben. Wann sie wieder gingen, ist mir nicht erinnerlich. Unter den geschlossenen Augenlidern brannte es schmerzlich, die spitzen Eiszapfen, in die sich meine Augen vor tausend Jahren verwandelt hatten, schmolzen dahin. Unser Haus verließ ich in jener unwirtlichen Nacht. Zuvor entfachte ich darüber ein Feuer zu meiner Liebsten Begräbnis und schwor mir, der Zauberei für immer zu entsagen und fortan auf eine Behausung zu verzichten. Um diesem Gelübde Nachdruck zu verleihen, erlegte ich mir eine harte Strafe auf."

Die Zweige in dem brennenden Feuer knistern. Die hochstiebenden Funken träumen davon, in den Himmel aufzusteigen und zu Sternlein zu werden.

«Ist er wieder aufgetaut?», fragt ihn die Prinzessin mit den grauen Augen.

«Ich weiß nicht.»

Nach einem langen Schweigen sagt sie zu ihm: «Bitte verwandle mich niemals in einen Vogel. Nimmer entlaß mich in die Freiheit».

Der Wandrer lächelt darauf: «Das ist eine fremde Geschichte. Davon haben sich nur Lieder erhalten».

«Trotzdem… Versprich mir…, daß du mich nie…»

«Niemals… auf ewig…, diese Worte wollte ich eigentlich vergessen, auf daß sie nie zur Unzeit ausbrechen… mit fatalen Folgen. Menschen sollten überhaupt nie etwas bis in alle Ewigkeit versprechen».

«Warum nicht?»

«Sie haben keine Gewalt über sie. Alles andere, was in ihrer Macht steht, ist nur auf eine kurze Lebenszeit begrenzt.»

«Und die Liebe?»

Er zögerte mit der Antwort.

«Ja. Ihr ist in der Regel eine allzu kurze Frist beschieden. Etliches andere überlebt sie um ein Vielfaches.

«So hast du all die Kälte aus deinen unwirtlichen Ländern mitgebracht…»

«Entschuldige. Ich hatte ganz vergessen, daß du ein Märchen hören wolltest. Aber war es denn nicht schön?»

Während er das sagt, dringt für den Bruchteil einer Sekunde der Schlag eines vor Verzweiflung zitternden, verängstigten kleinen Herzens an sein Ohr.